Vom Sterben und dem Leben davor

Heute bin ich bei meinem Spaziergang über einen Friedhof gegangen.

Für die, die hier liegen, ist das Leben vorbei. 

Und ich habe mich gefragt, mit welchem Fazit über ihr Leben mögen sie wohl gestorben sein? Haben sie sich gesagt, das war ein gutes Leben, ich kann jetzt in Frieden gehen? Oder war der letzte Gedanke der an das, was sie alles verpasst haben oder anders hätten machen können?

Ein gutes Leben

Wir wissen das natürlich nicht. Aber wir können für uns selbst überlegen, mit welchem Gedanken wir dereinst gehen wollen. Und wenn es der an ein “gutes Leben” sein sollte, dann ist es vielleicht nicht ganz so abwegig, darüber nachzudenken, was denn für uns ein solches “gutes Leben” wohl sein mag. Und wie wir es erreichen können.

Ich glaube ja, das hat zuallererst etwas mit uns selbst zu tun, mit unserer Haltung dem Leben gegenüber. Und mit unserer Fähigkeit, mehr daraus zu machen als die reine Existenz. Leben, das heißt auch “lebendig sein”, die Welt umarmen, mit vollen Zügen genießen und die eigenen Möglichkeiten erkennen und entscheiden, welche wir nutzen. Wahrscheinlich ist es noch nicht mal wichtig, ob wir das am Ende auf der ganzen Linie geschafft haben und was dabei heraus kommt. Vielleicht ist es viel wichtiger, ob wir es mit einem friedvollen Gefühl in uns getan haben. 

Wenn wir uns durch’s Leben kämpfen, ist es ja möglicherweise viel schwieriger, in Frieden zu gehen, als wenn wir schon zu Lebzeiten in Frieden mit dem Leben umgehen.

Wir leben in einer Zeit der Superlative. Schneller, höher, weiter. Man muss “etwas erreichen” im Leben, seine Berufung finden, seine Träume wahr werden lassen und die Sonne muss unentwegt aus dem Arsch scheinen. Man muss sich selbst verbessern, optimieren, alles aufarbeiten, die ganzen Leichen im Keller ausbuddeln und zu seinem besten Selbst werden. Und wenn man dann endlich “aufgewacht” ist, wartet am Ende gar die Erleuchtung als krönender Abschluss. 

Mal ganz ehrlich, was davon braucht es für ein “gutes Leben”? Irgendwie hört sich das doch nach ganz schön viel Luxus an. Und nach ganz schön viel Aufwand. Ganz davon abgesehen, dass dann wohl Generationen von Menschen durchgehend total unglücklich gewesen sein müssen, weil für all das weder Zeit noch die Gelegenheit vorhanden waren.

Mit meiner Erfahrung deckt sich das nicht. Ich habe Menschen kennengelernt, die so vollkommen zufrieden mit ihrem einfachen Leben waren und die dabei so friedvoll und im Reinen mit sich selbst wirkten. Geradezu beneidenswert. Und ich habe Menschen kennengelernt, die beständig bemüht waren, sich selbst zu optimieren, gegen dies zu kämpfen und das aufzulösen und die dabei wirkten, als wäre das die Hölle auf Erden. 

Mir scheint das Geheimnis eines “guten” oder auch “erfüllten” Lebens viel einfacher. Und es reichen drei Worte, um es zu beschreiben. Dankbarkeit, Loslassen, Frieden. 

Dankbarkeit

Dankbarkeit für das, was ist. Für die vielen kleinen Wunder des Lebens und der Welt. Für die Menschen, die in unserem Leben sind. Für Essen und Trinken, für das Dach über dem Kopf, für all die Chancen, die sich uns bieten, ob klein oder groß. Dankbarkeit für die Liebe, die wir empfangen und schenken dürfen. Dankbarkeit für das Leben selbst.

Loslassen

Und wenn wir uns am Ufer festklammern, wird es der Fluss des Lebens schwer haben, uns an all die interessanten, spannenden und schönen Orte zu führen, die uns am Ende sagen lassen, es war ein “gutes Leben”. Loszulassen und uns der Strömung anzuvertrauen erfüllt uns vielleicht zu Beginn mit Angst. Aber der Fluss des Lebens trägt uns umso sicherer, je mehr Vertrauen wir in ihn setzen. 

Das klingt vielleicht für Dich jetzt verrückt. Wie soll das denn gehen. Es muss doch so viel geregelt werden, überall muss man aufpassen und es läuft doch nichts von alleine. Ja, da bin ich ganz bei Dir. Doch dabei geht es um das Außen, um die Welt, in der wir leben. Was ich meine mit Loslassen, hat viel mehr mit der inneren Welt zu tun. Die, die wir in unserer Vorstellung erschaffen und für die Realität halten. Und die immer nur ein Ausschnitt ist aus dem großen Ganzen. 

Wenn wir loslassen, heißt das, nicht länger an dem Gedanken festzuhalten, wir könnten irgendetwas an der Vergangenheit ändern. Jedes noch so komplizierte Szenario wird nichts an der Tatsache ändern, dass es jetzt, heute, so ist wie es ist. Und Loslassen bedeutet genauso, nicht länger unsere Zukunft zu hundert Prozent kontrollieren zu wollen. Unser Gehirn spielt unentwegt mögliche Zukünfte in der Vorstellung durch. Das ist vollkommen natürlich. Aber allzu oft halten wir die katastrophalste davon fest und lassen uns von der Angst vor eben jener Zukunft, die noch gar nicht passiert ist, zur Untätigkeit verleiten, als wäre sie schon Realität.

Loslassen heißt, Abstand zu nehmen von der Erwartung, dass irgendetwas uns glücklich machen würde, aufzuhören damit, uns mit anderen zu vergleichen und unser Glück davon abhängig zu machen, dass es uns so gehen müsste wie ihnen. Loslassen, das ist, uns auf uns selbst zu besinnen, auf unsere ureigenen Bedürfnisse. Nur die Erfüllung unserer eigenen Bedürfnisse wird uns erfüllen, nicht die derjenigen, die wir meinen, haben zu müssen, weil andere sie haben oder uns nahe legen.

Frieden

Und wenn Du bis jetzt eine Erklärung für das dritte Wort im Bunde, den Frieden, vermisst hast, kannst Du ja vielleicht schon erahnen, dass Du hierzu gar nicht viel mehr tun musst. Wie friedlich wird es sich wohl anfühlen, wenn Du in Dankbarkeit loslassen kannst?

Ich glaube, das ist die Grundlage von allem. Du kannst Träume haben und daran arbeiten, sie zu verwirklichen. Du kannst Reichtümer anhäufen und Dich an einem luxuriösen Leben erfreuen. Du kannst all das tun, was Du tun möchtest und alles anstreben, was Du erreichen möchtest. Ich vermute aber, nichts davon wird dazu führen, dass Du Dich einstmals in Frieden von einem “guten Leben” verabschieden wirst, wenn diese Grundlage fehlt, die eben das Geheimnis eines “guten Lebens” ist.

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