Die Prinzessin und das Vögelchen

oder Warum Glück und Freiheit ein gemeinsames Lied singen

Es war einmal eine liebliche Prinzessin, die lebte in einem Schloss in einem Zimmer mit einem wunderbaren Blick auf den prächtigen Garten. Eines schönen Tages, die Sonne schien und sie hatte das Fenster geöffnet, flatterte ein Vögelchen herein, umschwirrte die Prinzessin und sang ein gar anrührendes Lied. Die Prinzessin war entzückt und freute sich sehr. 

Fortan kam das Vögelchen oft und stimmte sein fröhliches Liedchen an. Die Prinzessin war jedesmal sehr beglückt von dem Gesang und genauso traurig, wenn der Vogel wieder hinaus in den Garten flog. So ließ sie sich einen goldenen Käfig besorgen und stellte ihn neben das Fenster. Als das Vögelchen das nächste Mal kam, sagte sie: “Oh, Vögelchen, könntest du doch immerzu bei mir bleiben und mich erfreuen. Ich habe dir einen goldenen Käfig bauen lassen, da könntest du wohnen und es würde dir an nichts fehlen.” 

Der Vogel hatte an der Prinzessin Gefallen gefunden, weil er gemerkt hatte, wie glücklich sie jedesmal über sein Lied war. Und so setzte er sich in den Käfig. Er wurde prächtig versorgt, bekam die feinsten Leckereien und wurde verwöhnt wie es besser nicht ging. 

Nach und nach fiel ihm aber immer weniger ein, was er der Prinzessin hätte singen können. Und so wurde es immer stiller im Zimmer. Die Prinzessin war betrübt und wusste sich keinen anderen Rat, als ihre alte Amme zu fragen. “Meine liebe Prinzessin”, sagte diese, “das Vögelchen hat dir von seinem Glück verkündet. Dem Glück, das es durch seine Freiheit, durch seine Begegnungen mit den Vögeln und den bunten Blumen des königlichen Gartens tagaus tagein gesammelt hat. Nun sitzt es in seinem Käfig und vermag sich immer weniger an jenes Gefühl zu erinnern, das es noch vor einiger Zeit so erfüllt und ihm die Ideen für seine Strophen gegeben hat.”

Die Prinzessin bedankte sich artig und überlegte eine ganze Weile, was sie nun tun sollte. Darüber schlief sie ein und erwachte erst am nächsten Morgen wieder, als bereits die Sonne in ihr Zimmer schien. Mit dem ersten Öffnen ihrer wunderschönen Augen wusste sie, was nun zu tun war, denn im Traum hatten sich ihre Gefühle für das Vögelchen und die Worte ihrer Amme gefunden und ihr zusammen eine ganz neue Erkenntnis geschenkt.

Sie stand auf und ging zum goldenen Käfig, wo das Vögelchen sie erwartungsvoll anblickte. Sie öffnete zuerst das Fenster zum Garten und dann das Türchen des Käfigs. “Flieg, mein kleiner Freund”, sage sie, “ ich weiß jetzt, du liebst mich so sehr, dass du freiwillig hier in meiner Nähe bleiben wolltest. Ich aber habe gar nicht gemerkt, dass dir etwas fehlt. Und obwohl du mich glücklich machen wolltest, habe ich dir die Möglichkeit genommen, dieses Glück zu sammeln, das du mir so großzügig zeigen wolltest. Flieg. Und ich würde mich sehr freuen, wenn du ab und an herein geflattert kommst und mir ein kleines Lied singst von deinem wiedergefundenen Glück.”

Der Vogel setzte sich erst auf den Rand der Käfigtür, blickte die Prinzessin ein wenig an und breitete dann seine Flügel aus. In diesem Moment kam ein kleiner Windhauch und die Luft klang ein wenig wie der leise Gesang einer Fee. Wie ein Wunder verwandelte sich das Vögelchen vor den Augen der Prinzessin in einen wunderschönen Prinzen.

“Oh vielen tausend Dank, liebste Prinzessin. Ich wurde verflucht und sollte erst erlöst werden, wenn mir jemand seine bedingungslose Liebe zeigt. Ihr habt sie mir bewiesen, indem ihr mich voller Liebe in die Freiheit gehen ließet.”

Und wie solche Geschichten meistens ausgehen, war der Prinz in Menschengestalt nicht weniger liebenswert als das Vögelchen und so lebten sie fortan glücklich und zufrieden, sammelten ihr Glück in Freiheit und zeigten es einander. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Noch ’ne Geschichte?

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